Kolumne Winnemuth: Noch 25 Sommer

Eine alte Börsenregel sagt: “Wie der Januar, so das ganze Jahr.” Stimmt das, steht uns nach dem Scheißjahr 2015 ein Scheißjahr 2016 bevor. Wir können also eigentlich auch gleich mit 2017 weitermachen, denn so wird das nichts mehr. Das hat sich erledigt, bevor es richtig losging. Stecker ziehen, 20 Sekunden warten, Neustart. Oder wir können uns zusammenreißen und über etwas Erfreulicheres reden als über Köln und die Reaktionen auf die Reaktionen auf Köln: den Tod.

Neulich tauchte im Netz eine interessante kleine grafische Übung eines 30-Jährigen auf, der symbolisch darstellte, wie lange er noch zu leben habe. Er kalkulierte mit einer Lebensdauer von 90 Jahren und malte sich seine verbleibenden Jahre so aus:

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Effektive Methode, sich den Jahresstart zu versauen

Auch als er dieselbe Übung mit den noch vor ihm liegenden Monaten und Tagen machte: Es waren ein paar karge Zeilen, die bequem auf einen Post-it-Zettel passen. Ich erzählte meinem ältesten Freund davon zu Silvester (der Zeit, in der man für solche Überlegungen besonders empfänglich ist), er schwieg und sagte dann: “Ich rechne mit 80.” Er ist 55 wie ich, also antwortete ich: “Noch 25 Sommer.” Wir guckten uns an.Winnemuth bio

Unter allen Methoden, sich den Jahresstart zu versauen, ist das eine der effektivsten. Noch 25 Sommer. Noch 25 Mal Kirschen. Noch 25 Mal Anbaden und Angrillen und die erste Amsel abends und Rittersporn und freie Parkplatzwahl in der Stadt wegen Schulferien und im August den Lavendel runterschneiden. Noch 25 Frühlinge mit dem ersten Krokus (und den dazugehörigen Debatten, ob die Mehrzahl Krokusse, Kroküsse, Kroki, Krokeen, Krokant oder Krokodile heißt) und der Wiedereröffnung der Eisbude gegenüber. Noch 25 Mal Herbst mit … ach, ach, ach.

Man kann rechnen, wie man will (für Männer meinetwegen auch “noch 25 Mal Bundesliga”), es bleibt überschaubar. Auch und gerade wenn man schaut, was einem noch an Lebensfreuden bleibt. Nehmen wir an, ich lese pro Woche ein Buch (und das ist zu meiner Schande eher hoch geschätzt), dann hätte ich noch Zeit für 1300 Bücher. Je nachdem, wie dick die sind, wären das 25 bis 30 Regalmeter. Ein nicht sonderlich großes Buchregal also, drei Meter lang, zweieinhalb Meter hoch. Ich stehe gerade gedanklich vor diesem imaginären Buchregal und führe Selbstgespräche: Mehr schaffst du nicht mehr in deinem Leben, überleg dir gut, was du da reinstellst. Vielleicht ein paar weniger Serienkiller-Romane? Stattdessen lieber noch mal “Anna Karenina”?

Oder dies: Wenn ich zwei Flaschen Wein in der Woche trinke (und das ist zu meiner Schande eher niedrig geschätzt), dann habe ich bis 80 nur noch 1950 Liter vor mir, also rund 10.000 Gläser, also circa das, was ich allein im Jahr 1996 getr… Nein, damit darf man nicht scherzen. Höchste Eisenbahn, ab sofort nur noch was vom Guten einzuschenken, ich habe einfach keine Zeit mehr für Plörre.

Es bleibt nicht mehr viel Zeit für Schrott

Diese Überlegungen lassen sich endlos fortsetzen: Welche Gedanken will ich in meinen Kopf lassen, welche Überzeugungen haben, welche Worte wählen? Es bleibt nicht mehr viel Zeit für Schrott. In meinem Fall:

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Ein schönes Tattoo wäre das übrigens. In jedem Januar ginge man zum Hautarzt und ließe sich eines der Symbole entfernen, um auf dem Rückweg “Moby Dick” und eine Flasche Puligny-Montrachet zu kaufen. So fängt man ein Jahr an.

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