Verbrechensbekämpfung in den USA: Wie die Ahnenforschung per DNA Mörder und Vergewaltiger nach Jahrzehnten überführt

Die feuchte Hitze eines langen Tages hängt in CeCe Moores Wohnzimmer. Es ist kurz vor Mitternacht in San Francisco. Auf dem Tisch der zierlichen Frau mit den dicken blonden Locken stapeln sich Papiere: Auszüge aus alten Telefonbüchern, Todesanzeigen, Geburtsurkunden, Stammbäume, Kopien von Facebook-Seiten. Vieles ist vergilbt, einiges gerade frisch ausgedruckt. Der Monitor eines Laptops taucht die Dokumente in ein kaltes Licht. CeCe Moore sagt: “So jagen wir heute Mörder und Vergewaltiger.” Sie spricht leise weiter: “Ich glaube, ich habe heute einen fünffachen Mörder gefunden.” Für einen Moment schimmern Tränen in CeCe Moores Augen.

Der Mann mordete – und kehrte danach unentdeckt in seinen Alltag zurück. Zwei Jahrzehnte lang sei er einer Strafverfolgung immer wieder entkommen, sagt Moore. Genaueres verrät sie nicht, sie will erst sicher sein, dass der Verdächtige gefasst wird: “Ich übergebe morgen früh meine Ergebnisse an die Ermittler, die erledigen den Rest.”

“Cold Cases”

CeCe Moore ist keine Polizistin, die Papiere sind keine Ermittlungsakten. Aber Moore hilft, die Verbrechensbekämpfung zu verändern. Womöglich mit ähnlich spektakulären Folgen, wie die Erstellung und der Abgleich von DNA-Profilen es vor knapp 30 Jahren getan haben: Gut erinnerlich ist noch, wie ganze Gemeinden zum Gen-Abstrich mit dem Wattestäbchen gebeten wurden, um zu den Tatortspuren mutmaßlicher Verbrecher einen passenden Verdächtigen auszusieben.h18192238_1068636446

Was aber tun, wenn die Spur lange kalt ist, der Mord Jahrzehnte zurückliegt, der sexuelle Übergriff geschah, bevor die Genanalyse erfunden wurde? Innerhalb von sieben Tagen gelang es Moore, in vier solcher “Cold Cases” die Hauptverdächtigen zu finden. Es ging um brutale Morde: an einem zwölfjährigen Mädchen, einer jungen Lehrerin, einer Maklerin, einem verliebten Pärchen.

Moore nennt sich “genetische Genealogin” – ein komplizierter Name für eine anspruchsvolle Wissenschaft: “Ich nehme die alten DNA-Daten vom Tatort. Die gebe ich in online zugängliche Datenbanken für Ahnenforschung wie ‘GEDmatch’ ein”, sagt Moore. Seit Jahren enorm populär, dienen solche öffentlichen DNA-Register eigentlich dazu, die eigene vergessene oder verstreute Verwandtschaft zu finden oder sich seiner eigenen Abstammung gewahr zu werden. Moore verschob schlicht den Verwendungszweck der “Big Data”-Dienstleistung: “Finde ich Verwandte, mache ich mich daran, einen Stammbaum zu bauen, und hoffe so, den Tatverdächtigen identifizieren zu können.”

Bisher konnten US-Polizeibehörden Tatortproben ausschließlich mit Informationen in eigenen Datenbanken abgleichen. War ein Verdächtiger nicht wegen einer anderen Straftat überführt worden, war er nicht erfasst. Jetzt jedoch können sogar Täter erwischt werden, deren eigenes DNA-Profil nirgends zu finden ist. Verwandte sind der Schlüssel. Denn große Teile ihres Erbguts gleichen dem der Gesuchten. Je nachdem, wie viel Prozent es sind, lässt sich ableiten, ob der Verdächtige der Bruder, der Cousin, ein Onkel oder Urenkel ist.h18192229_1068635862

CeCe Moore ist keine studierte Wissenschaftlerin – und ihre Karriere insofern eine typisch amerikanische Selfmade-Story. Ahnenforschung war ihr Hobby, sie wurde zu ihrem Beruf. Für eine Fernsehserie half Moore jahrelang Adoptivkindern dabei, ihre leiblichen Eltern zu finden. Sie brachte Kinder von Samenspendern mit ihren Vätern zusammen, sammelte Erfahrungen, verbesserte ihre Methode.

“Golden State Killer”

Als die Autodidaktin im Mai dieses Jahres im Radio hörte, dass “umgekehrte Ahnenforschung” zur Ergreifung des “Golden State Killers” geführt hatte, erwachte ihr Jagdinstinkt. Dem Mann wird zur Last gelegt, in den 70er und 80er Jahren zwölf Morde begangen und über 50 Frauen vergewaltigt zu haben. Nun war Joseph James DeAngelo von einer Spezialeinheit der Polizei anhand des DNA-Profils eines Cousins dritten Grades in Kalifornien gefunden und verhaftet worden. Mittlerweile ist der Verdächtige über 70 Jahre alt: DeAngelos eigene DNA-Probe stimmt zu 100 Prozent mit den teils fast 50 Jahre alten Tatortspuren überein.

Moore sagt, sie habe zunächst Hemmungen gehabt, die Ahnenforschungsportale für kriminalistische Zwecke umzufunktionieren. “Es fühlte sich an, als missbrauchte ich das Vertrauen der Leute”, sagt sie. Nach der Verhaftung DeAngelos fielen die Skrupel von ihr ab. “Da war ich sicher, dass die Öffentlichkeit das akzeptieren wird. Hauptsache, die bösen Jungs kommen von der Straße.”

Kurze Zeit später gab Parabon Nano Labs, ein auf DNA-Analysen spezialisiertes Unternehmen, die Gründung einer “Genetischen Ahnenforschungs-Einheit” bekannt. Mit CeCe Moore als Leiterin. Der medienwirksame Aufruf ging an Polizeidienststellen in ganz Amerika: Gebt uns eure Spuren, und wir werden versuchen, herauszufinden, zu wem sie gehören.h18192237_1068636469

Im Juni vermeldete Moore ihren ersten Erfolg – bei einem Fall aus dem Jahr 1987. Damals waren die 18-jährige Tanya Van Cuylenborg und der 20-jährige Jay Cook während ihres Urlaubs im Bundesstaat Washington brutal ermordet worden. Auf GEDmatch fand Moore einen Cousin zweiten Grades des potenziellen Täters. “Ich baute einen Stammbaum bis zu seinen Urgroßeltern”, so Moore. Geburts- und Eheurkunden sowie Sterberegister sind in den USA in aller Regel frei einsehbar, das erleichtert die Arbeit. CeCe Moores bevorzugte Quelle zur Abstammungs-Rekonstruktion aber sind alte Todesanzeigen: Schön übersichtlich sind dort zumeist die vollständigen Namen aller Kinder und Enkel der Verstorbenen aufgelistet.

Bald hatte sich Moore vom Cousin zu den Eltern des Tatverdächtigen vorgearbeitet. Sie sagt: “Dann war es einfach, das Paar hatte nur einen Sohn.” Anhand seiner Adresse und seines Alters überprüfte sie noch einmal, dass er auch sicher in das Profil des Gesuchten passte. Ein Wochenende brauchte sie, bis sie den Namen William Earl Talbott II an die Polizei geben und auf überzeugende Schlussfolgerungen gestützt mutmaßen konnte: “Er hat Van Cuylenborg und Cook ermordet.”

DNA-Detektivarbeit

Talbott war zum Zeitpunkt der Verbrechen 24 Jahre alt. Er lebte zehn Kilometer entfernt vom Ort, an dem eine der Leichen gefunden worden war. Nachdem Beamte den heute 55-Jährigen mehrere Tage lang observiert hatten, konnten sie seine DNA an einem weggeworfenen Kaffeebecher sicherstellen.

So treffsicher die Stammbaum-Analyse à la Moore bereits ist, liefert sie doch nur genetische Indizien. Beweiskraft, die auch Geschworene überzeugen muss, besitzt erst der Spurenabgleich mit dem Erbgut des Verdächtigen. Bei Talbots Kaffeebecher fiel er positiv aus. Er ist nun des Mordes angeklagt.h18192236_1068635732

Die DNA-Detektivarbeit verspricht gute Geschäfte. 3600 bis 4000 Dollar berechnen Moore und ihr neuer Arbeitgeber pro Fall. Insgesamt 100 DNA-Profile haben Sheriffs und Polizeibehörden aus dem ganzen Land bereits in Auftrag gegeben. “In 20 Fällen sehe ich schon eine einfache Lösung, 30 werden ein bisschen mehr Arbeit sein, bei den restlichen 50 gibt es bislang keine Spur”, erklärt Moore.

Derzeit ist GEDmatch noch die Hauptquelle für alle Ermittlungen: Eine Website ohne angestellte Mitarbeiter, als Hobby gegründet, wird im Land des “Anything goes” im Handumdrehen zur offiziösen Datenquelle für Behörden. Das Beispiel zeigt, wie weit die Kulturen der USA und Mitteleuropas noch immer auseinanderliegen: Diesseits des Atlantik dominieren Datenschutz und schwerfällig entwickelte Amtsprozeduren. Jenseits des Ozeans feiert die alte Tradition des privaten Kopfgeldjägers mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts neue Triumphe.

Marktführer in Sachen Ahnenforschung

Aktuell sind in GEDmatch etwa eine Million personenbezogene Datensätze zu finden. Wer sich dort anmeldet, kann sein DNA-Profil, das er vorher mit einem Wattestäbchen-Kit hat ermitteln lassen, hochladen und ohne großen Aufwand mit allen anderen vergleichen. Mittlerweile allerdings erscheint eine Warnung: Bevor sich neue Nutzer einloggen können, werden sie darauf hingewiesen, dass “von der Polizei zur Verfügung gestellte DNA-Profile” auf der Seite hochgeladen und genutzt werden können, um Gewaltverbrecher zu identifizieren.h18192228_1068635540

Experten sind sich sicher, dass die Verbrechersuche mit GEDmatch nur ein Anfang ist. Die größten genetischen Schätze nämlich hüten nicht Hobby-Abstammungsforscher, sondern die kommerziellen DNA-Portale “23andMe” und “Ancestry”. Mit zusammengenommen mehr als zehn Millionen Profilen sind sie Marktführer in Sachen Ahnenforschung. Die Zahl ihrer Nutzer wächst ständig. “23andMe” und “Ancestry” geben ihre Ergebnisse an Ermittler nach eigenen Angaben derzeit nur auf richterliche Anordnungen heraus. Auch akzeptieren sie ausschließlich Speichelproben und keine von anderen Firmen zuvor erstellten DNA-Profile. Aber lückenlos sicher ist ihr Datenschutz nicht. Es gibt bereits Ermittler, die davon reden, Tatort-DNA mit synthetischem Speichel zu mischen und unter falschem Namen zur Analyse einzusenden – die Spur des Täters würde dann in schon bestehende Stammbäume einsortiert.

Auch CeCe Moore und andere bewegen sich mit ihrer Arbeit in einer Grauzone. Darf man Daten aus dem Internet einfach ohne Wissen der Besitzer einsetzen, um Verbrechen aufzuklären? Reicht der Hinweis auf GEDmatch aus? Kein Fall ist so weit, dass Gerichte entscheiden mussten, ob solche Methoden erlaubt sind.

Kopfgeld

Auch in Deutschland könnte das Thema genetische Genealogie bald an Aktualität gewinnen. Bei uns werden gerade in einzelnen Bundesländern Gesetzesinitiativen geprüft, die es möglich machen würden, die DNA eines nahen Verwandten zur Ermittlung eines Täters zu nutzen. Wie das im Detail aussehen könnte, ist noch ungeklärt.

In den USA ist es üblich, dass bei lange ungelösten Kriminalfällen eine Belohnung ausgesetzt wird. Ob CeCe Moore für ihre Mithilfe das Geld bekommt? Noch unklar. Aber sie hat ohnehin einen anderen Wunsch: “Ich fände es gut, wenn die Leute das Kopfgeld bekommen, deren DNA zur Ergreifung des Täters geführt hat.”Jeder kennt den Mörder von Frederike von Möhlmann

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