M.Winnemuth: Um es kurz zu machen: Nein. Nö. Wirklich nicht

Das Gute daran, einen Hund zu haben (das gilt vermutlich auch für Kinder, ich kann es nicht beurteilen), ist, dass einem plötzlich ein lang verschüttetes Wort wieder recht flüssig von den Lippen geht: nein. Nein, der nette Herr mit der hellen Hose wird nicht angesprungen. Nein, du darfst nicht mit ins Bett. Nö, es gibt heute keine Leckerli mehr. Nee, wir spielen jetzt nicht Zerren. Nö, auch nicht mit dem zerfetzten Giraffenhasen. Und erst recht nicht mit der vollgesabberten Stoffeule. Okay, aber nur kurz.

Wer nicht mag, muss nicht

Mein Nein ist also ausbaufähig, aber auf einem guten Weg. Das merke ich daran, dass ich auch jenseits der Hundeerziehung immer öfter ein herzliches Nee in die Welt schmettere, wo ich früher ein unfrohes, mäßig begeistertes “Na gut” gesagt hätte. Nö, diesen Job übernehme ich nicht, dieses Treffen schaffe ich nicht, diesen Termin halte ich für sinnlos, diese Party lasse ich sausen, diese Facebook-Freundschaftsanfrage einer Wildfremden lehne ich ab. Ich will nicht, ich mag nicht und vor allem: Ich muss nicht.

kurzbio WinnemuthDiese neue Nee-Fähigkeit hat auch mit dem Alter zu tun. Wenn man nur oft genug Ja gesagt hat zu Verabredungen, zu denen man keine Lust hatte, und zu Aufgaben, für die man weder Lust noch Zeit hatte, wenn man vor allem zu oft Ja aus den völlig falschen Gründen gesagt hat (aus Angst, jemanden zu verärgern oder zu enttäuschen, aus Angst, was zu verpassen, aus Angst, nie wieder gefragt und garantiert nie wieder geliebt zu werden), hat man es irgendwann verstanden: Nein zu sagen zählt zum Positivsten, was man für sich und die Welt tun kann. Nein ist ein Lebensretter, es schützt vor Zeit- und Kraftverschwendung, es spart Energie fürs Wichtige und Wesentliche.

Der Trick ist natürlich, nur im äußersten Notfall ganz platt Nein zu sagen. Stattdessen: “Ich würd ja gern, doch leider …” – “Das passt im Moment blöderweise ganz schlecht.” – “Ich weiß das Angebot wirklich zu schätzen. Allerdings …” – “Mit niemandem lieber als mit dir, aber …” – “Ich wünschte, ich könnte helfen, nur …” Das ist nicht unehrlich, sondern freundlich. Ich habe ein Recht auf Nein, der andere aber hat das Recht auf ein freundliches Nein. Er hatte eine Bitte, ein Anliegen, einen Vorschlag, ein Bedürfnis und verdient, damit ernst genommen und anständig behandelt zu werden.

Der richtige Tonfall ist wichtig

Dazu gehört auch, nicht mit einem Vielleicht hingehalten zu werden, wenn die Antwort längst klar ist. Ich habe mir angewöhnt, so schnell wie möglich Nein zu sagen, damit der andere umplanen kann. Es sei denn, er will mich per Überrumpelungsversuch zu einem Ja nötigen. Dann verzögere ich bewusst (“Lass mich bis heute Abend darüber nachdenken” oder “Ich habe gerade meinen Kalender nicht zur Hand”), um Druck und Konfrontation aus der Situation zu nehmen. Und wie immer ist es eine Frage der Dosierung.

Beim Hund habe ich je nach Situation die Steigerungsstufen “Äh-äh”, “Nö”, “Nee”, “NEIN” und “Echt nicht, Alter!” , verbunden mit dem entsprechenden Tonfall. Ich verwende nicht bei jedem Mist ein strenges Nein, aber wenn ich im Wald aus vollem Hals ein donnerndes “NEIN! HIIIIIIEEEER!” brülle, weiß er, dass ich es verdammt ernst meine, und dreht vor der Wildsau ab.

Das Wichtigste aber: Um entspannt Nein sagen zu können, muss man um seine Jas wissen. Was ist einem wichtig, wovon will man sich auf keinen Fall abbringen lassen? Wenn man seine großen, unumstößlichen Jas erst mal gefunden hat, werden all die kleinen Neins und Nees und Nös rechts und links des Weges auf einmal wahnsinnig einfach.

Katze verarscht Hund_9.40

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